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Max Beckmann - Departure // Max Beckmann - Leben und Werk III

Max Beckmann - Leben und Werk, III

1938 – 1947
Neben seinem Hauptwohnsitz in Amsterdam unterhält Beckmann eine zweite Wohnung in Paris. Die finanzielle Lage ist angespannt, der im Exil lebende Schriftsteller Stephan Lackner, der zunächst das Bild „Mann und Frau“ aus dem Depot der geplatzten Erfurter Ausstellung angekauft hat, wird zu einem der wichtigsten Mentoren und Partner. 1938 Reise nach London zur Ausstellung „20th Century German Art“, wo Beckmann seine wohl wichtigste programmatische Rede, „Meine Theorie der Malerei“, hält und den „schrecklichen Furor der Sinne für jede Form von Schönheit und Häßlichkeit des Sichtbaren“ als Kern seines Schaffens kennzeichnet. Der Kriegsbeginn verhindert den geplanten vollständigen Umzug nach Paris, Amerika-Pläne scheitern an der Unmöglichkeit, ein Visum zu bekommen.

»Amsterdam, 19. September 1939. Wie soll man Ungreifbares greifbar machen, wie soll man das noch nicht Bestehende in feste Form bringen. (...)
Trost ist der sichere Glaube an die Unrealität des Lebens, hinter dem vielleicht die echte Wahrheit liegt. Immer wieder aufs neue Leben und Sterben, bis wir da angelangt sind, wo es keine Erfahrung mehr gibt, nur noch absolutes Wissen.«

1940 marschieren die deutschen Truppen in Amsterdam ein. Beckmann verbrennt seine seit 1925 geführten Tagebücher. Ausstellungs- und Verdienstmöglichkeiten werden immer geringer, Lackner muss seine regelmäßigen Geldanweisungen einstellen. 1941 Auftrag zur Illustration der „Apokalypse“ von Georg Hartmann, 1942 Ankauf von „Departure“ durch das Museum of Modern Art in New York, Einzelausstellung in Chicago. Seinem Sohn Peter Beckmann, im Krieg Militärarzt, gelingt es, Bilder aus Deutschland herauszuschmuggeln. Trotz seiner sich verschlimmernden Angina Pectoris-Erkrankung droht Beckmann immer wieder die Einberufung in die Wehrmacht und die Beschlagnahme seiner Werke. Kleinere Reisen nach Zandvoort und Valkenburg bringen etwas Abwechslung, bevor der Krieg auch diese unmöglich macht.

»Montag, 29. Mai 1944. Draußen wird es langsam hell, und schwarze Figuren stehen hart gegen einen grünen Morgenhimmel. Noch lebe ich – trotz allem. Mein Wille ist noch stark.«

Direkt vor und während des Krieges entstehen bedeutende Werke wie „Hölle der Vögel“ (1938), „Geburt“ (1937) und „Tod“ (1938), „Stilleben mit gelben Rosen“ (1938) und „Odysseus und Kalypso“ (1943) sowie eine Vielzahl von Bildnissen und Selbstbildnissen, u.a. „Akrobat auf der Schaukel“ (1940), „Doppelbildnis Max und Quappi Beckmann“ (1941), „Selbstbildnis gelb-rosa“ (1943), „Selbstbildnis mit grauem Schlafrock“ (1943), „Selbstbildnis in Schwarz“ (1944) und „Quappi in Blau und Grau“ (1944), nach dem Krieg u.a. „Mädchenzimmer“ (1947), das sinnbildlich für die lange Reihe von Beckmanns Bildern mit erotisch grundierter Motivik stehen kann.

»Das ist ja eben das Schwierige, das Spiel mit der Sünde. Ganz schön, aber wer es tut, tut es auf eigene Gefahr. Ich glaube es macht nur dann Vergnügen, wenn man ein Gewissen hat – oder wenigstens gibt es eine Sensation – hat man aber keines, so ist es eben keine Sünde – und wahrscheinlich langweilig. Wieder die ewige Frage – Seele als autonome Angelegenheit oder nicht. Es scheint mir doch, dass sie irgend eine selbständige Existenz führt.«

Zentralen Raum nimmt in Amsterdam – wie aus Trotz gegen die widrigen Lebensumstände und das Grauen um ihn herum – die Arbeit an den großen Triptychen ein: Beckmann malt „Akrobaten“ (1939), „Perseus“ (1940/41), „Die Schauspieler“ (1941/42), „Karneval“ (1942/43) und „Blindekuh“ (1944/45).

»Ich denke, „Perseus“ ist das verzweifeltste aller Triptychen von Beckmann, und wir können eigentlich nur eine einzige kleine Hoffnung darin lesen, bei Beckmann: darin, dass er es überhaupt gemalt hat. Als er das Triptychon am 2. Mai 1941 beendet, notiert er in seinem Tagebuch: „Perseus endgültig fertig. – Gestaltung ist Erlösung“. Ich glaube, genau darin liegt ja auch Beckmanns Erkenntnis, er kann keine Hoffnung mehr darstellen, weil es eigentlich keine gibt. Und allein im Akt des Gestaltens, in dem er dieses Grauen noch mal malt, ist doch eine Art Erlösung enthalten.« (Reinhard Spieler)

Amsterdam wird Anfang Mai von den Alliierten befreit, Beckmann unterliegt als Deutscher besonderer Überwachung, bis ihm 1946 der Unbedenklichkeitsstatus zuerkannt wird. Teilnahme an Ausstellungen in den USA und Paris sowie eine kleine Einzelausstellung im Amsterdamer Stedekijk Museum 1945. In der New Yorker Ausstellung 1946 werden fast alle gezeigten Bilder verkauft. Das Arbeiten bleibt schwierig, Beckmanns New Yorker Agent Curt Valentin schickt Leinwand und Farbe, die in Amsterdam kaum aufzutreiben sind. 1946 veranstaltet Günther Franke die erste Beckmann-Ausstellung in Deutschland nach dem Krieg, Beckmann erhält Angebot zu Lehraufträgen in München, Darmstadt und Berlin, die er ablehnt. Die Rückkehr nach Deutschland ist ausgeschlossen. Das Angebot einer Gastprofessur an der Washington University Art School in St. Louis nimmt Beckmann an, am 29. August treten er und Quappi von Rotterdam aus die Überfahrt nach New York an.

»9. September. Nach dem Essen fuhren uns Mies van der Rohe und Mary Callery  durch die City; die Rundfahrt endete mit einem Besuch auf dem Empire State Building: New York ist wirklich großartig, Babylon ist ein Kindergarten dagegen und der Babylonische Turm wird hier zur Massenerektion eines ungeheuerlichen Willens. Also mir sympathisch.«

1948 – 1950
Lehrtätigkeiten in St. Louis, am Stephens Art College, der Boulder Art School in Colorado, 1949 Professur an der Brooklyn Art School in New York. 1948 große Beckmann-Retrospektive in St. Louis, die später nach Detroit, Los Angeles, San Francisco, Chicago und Boston wandert. 1949 Auszeichnung mit dem Hauptpreis in Pittsburgh für „Fischerinnen“ (1948).

Beckmann ist weiter ungebrochen produktiv und vielseitig. Er malt Landschaften und Stadtlandschaften wie „San Francisco“ (1950), die Porträts „Bildnis Morton D. May“ (1949), „Bildnis Fred Conway“ (1949) und „Bildnis Perry T. Rathbone“ (1950) und das schon 1926 in Frankfurt begonnene „Quappi in Blau mit Boot“ (1926/1950), die Selbstbildnisse „Selbstbildnis mit Zigarette“ (1947) und „Selbstbildnis mit schwarzblauen Handschuhen“ (1947) sowie hochgradig verschlüsselte Werke wie „Christus in der Vorhölle“ (1948), „Fastnacht-Maske grün, violett und rosa“ (1950), „Abstürzender“ (1950) oder „The Town (City Night)“ (1950).

1949 schließt er das 1946 begonnene Triptychon „Beginning“ ab, 1950 arbeitet er an seinem letzten vollständigem Triptychon „Die Argonauten“, das er am 26. Dezember abschließt. Am 27. Dezember stirbt Max Beckmann an einem Herzinfarkt auf dem Weg zur Ausstellung „American Painting Today“, wo sein letztes Selbstporträt „Selbstbildnis in blauer Jacke“ gezeigt wird.

»Argonauten“ nimmt noch mal Bezug auf die „Jungen Männer am Meer“, das Bild Nummer Eins in seinem Werkverzeichnis, das er als erstes wirklich gültiges Oeuvre bezeichnet hat. Und im Zentrum dieser Argonauten stehen wieder die jungen Männer.« (Reinhard Spieler)

»Und hier schließt sich der Kreis. Am Ende stehen, in einer mythologischen Überhöhung,  nicht mehr die „Jungen Männer“ am Meer, es sind die Argonauten, also Figuren, die wie Beckmann niemals aufgehört haben daran zu glauben, das Goldene Vlies, den Heiligen Gral oder eine höhere Wahrheit zu finden. Der Umstand, dass „Argonauten“ sein letztes Bild ist, zeigt, dass er trotz allem bis zum Schluss daran geglaubt hat, selbst während des Krieges, selbst in den  dunkelsten Zeiten, dass die Hoffnung immer da ist. Beckmann bleibt überzeugt davon, dass aus diesem Chaos, dieser Konfusion der Geschichte, die er gerade erleidet, noch eine Wahrheit, eine Offenbarung entstehen könne.« (Didier Ottinger)

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