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Max Beckmann - Departure // Max Beckmann - Leben und Werk II

Max Beckmann - Leben und Werk, II

1925 – 1932
Nach der Scheidung von Minna Tube – zu der er weiter Kontakt hält – heirat Beckmann im September Mathilde von Kaulbach. Flitterwochen in Rom, Neapel und Viareggio. Beckmanns Erfolg wächst stetig. Seit 1925 unterrichtet er eine Meisterklasse der Städel-Kunstgewerbeschule in Frankfurt am Main, ein Vertrag mit Neumann garantiert ihm ein jährliches Einkommen von 10.000 Reichsmark. 1925 u.a. Einzelausstellung in der Düsseldorfer Galerie Alfred Flechtheim und Teilnahme an Ausstellungen in Zürich und London. Mit zahlreichen Bildern einer der Hauptbeteiligten an der Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ in Mannheim.

»Meine Kraft hat sich durch die erheblich günstigeren menschlichen Umstände, in denen ich nun lebe, verzehnfacht, und ich bin von einer Intensität und Frische wie nie in meinem Leben.«

1926 verzeichnet Beckmann Einzelausstellungen in New York und Leipzig, er nimmt an der Biennale in Venedig teil und wird u.a. in Berlin, Dresden, Bern und Paris ausgestellt.
1927 erscheint Beckmanns großer Essay „Der Künstler im Staat“ in der Europäischen Revue. 1928 große Retrospektive seiner Werke in Mannheim, Berlin und München. Auszeichnung mit dem Reichsehrenpreis der deutschen Kunst und der Gold-Medaille der Stadt Düsseldorf. Es folgen Einzelausstellungen u.a. in Frankfurt (1929), wo er den Großen Ehrenpreis der Stadt Frankfurt am Main erhält, Basel und Zürich (1930), regelmäßige Ausstellungen zudem in New York durch Neumann. Die auch von Picasso besuchte Pariser Beckmann-Ausstellung von 1931 wird von der Kritik gefeiert. Beckmann reist viel, meist zusammen mit Quappi, nach Italien, Nizza und Südfrankreich, Scheveningen, St. Moritz, Bad Gastein, Wien und immer wieder Paris, wo er von 1929 bis 1932 jeweils die Wintermonate verbringt und ein eigenes Atelier unterhält.

»Lieber Neumann. Meine Form ist dauernd in Weiterentwicklung zu größter Einfachheit und Klarheit. Es ist mir vollkommen klar, dass ich zur Zeit am äußersten Ende der Entwicklung der Malerei stehe.«

Auch in dieser Zeit, auf dem Gipfel des Erfolgs, der Beckmann auch den Aufstieg in die mondäne Welt ermöglicht, arbeitet er mit unerhörter Produktivität und Schaffenskraft. Nun bricht sich Bahn, was sich in den Jahren zuvor immer unübersehbarer angekündigt hat: Beckmann schafft sich seinen eigenen Stil, seine Welt, seinen Beitrag zum künstlerischen Diskurs der Moderne. Er entfernt sich von der Neuen Sachlichkeit, in einem ganz eigenen Spannungsverhältnis vom Konkreten zum Abstrakten, das nicht zuletzt dadurch entsteht, dass Beckmann Maltechniken der abstrakten auf die gegenständliche Malerei anwendet. Das Spektrum von Beckmanns bildsprachlicher Gestaltung ist so groß wie seine handwerkliche Meisterschaft, wobei die Form nie Selbstzweck ist. Beckmann malt Bildnisse, vom Selbstbildnis bis zum Mehrfiguren-Porträt, Alltagsszenen, Landschaften, Stilleben, darunter auch einige großformatige. Thematisch wächst ab 1925 das Interesse am Verhältnis der Geschlechter, besonders seit 1928 erweitern sich seine Motive zunehmend auf die Mythologie, auch auf solche der Psychoanalyse und Traumforschung. Beckmann beginnt, eine eigene, niemals eindeutig zu entschlüsselnde Symbolsprache zu entwickeln.

»Ich suche aus der gegebenen Gegenwart die Brücke zum Unsichtbaren – ähnlich wie ein berühmter Kabbalist es einmal gesagt hat: „Willst du das Unsichtbare fassen, dringe, so tief du kannst, ein – in das Sichtbare.“ ... – Das Un-Sichtbare sichtbar machen durch die Realität. – Das mag vielleicht paradox klingen - es ist aber wirklich die Realität, die das eigentliche Mysterium des Daseins bildet.«

Es entstehen u.a. „Doppelbildnis Karneval, Max Beckmann und Quappi“ (1925), „Großes Stilleben mit Musikinstrumenten“ (1926), „Bildnis Quappi in Blau“ (1926), „Selbstbildnis mit weißer Mütze“ (1926), „Selbstbildnis im Smoking“ (1927), „Der Hafen von Genua“ (1927), „Großes Stilleben mit Fernrohr“ (1927), „Die Nacht“ (1928), „Liegender Akt“ (1929), „Der Wels“ (1929), „Bildnis Minna Beckmann-Tube“ (1930), „Bildnis Quappi auf Rosa und Violett“ (1931) und „Mann und Frau“ (1932).

»Vor 1932, 1933 ist keine Triptychon entstanden, und „Departure“, ,,Abschied“, ist eines, das ganz offensichtlich von den schweren Bedrohungen durch den Nationalsozialismus bereits spricht, sie erahnt und sie symbolisch darstellt.« (Uwe M. Schneede)

1933 – 1937
Seit der Pariser Ausstellung von 1931 immer schärferen Attacken durch die nationalsozialistische Presse ausgesetzt, weicht Max Beckmann Anfang 1933 von Frankfurt nach Berlin aus, wo er sich größere Anonymität verspricht. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten durchkreuzt all seine Pläne. Binnen weniger Monate wird ihm der Lehrauftrag an der Städel-Schule entzogen, der erst 1932 eingerichtete Beckmann-Saal in der Berliner Nationalgalerie im Kronprinzenpalais wird geschlossen, eine geplante Ausstellung in Erfurt verboten. Beckmann arbeitet weiter, notgedrungen weitgehend außerhalb der Öffentlichkeit. 1933 entstehen u.a. „Odysseus und Sirene“, „Raub der Europa“, „Schlangenkönig und Hirschkäferbraut“, „Geschwister“ – und das erste von Beckmanns Triptychen, das 1932 begonnene „Departure“, mit dem ein neuer zentraler Werkkomplex beginnt.

»Das Triptychon stellt auch eine neue soziale Positionierung der Kunst Beckmanns dar, als wolle er sagen: „Ich male nicht mehr für reiche Sammler, für die Welt des Bürgertums. Ich male für jemand anderen.“  Das Triptychon ist nicht dafür geschaffen, im Wohnzimmer aufgehängt zu werden. Es ist für eine Kirche, für einen öffentlichen Ort geschaffen. Mit der Entscheidung für das Triptychon wendet sich der Künstler in eine neue Richtung, die an der Gesellschaft interessiert ist, die eine Botschaft vermittelt.« (Didier Ottinger)

1934 Reisen nach Italien und Holland, längere Aufenthalte im oberbayerischen Ohlstadt, wo Beckmann im Atelier seines Schwiegervaters arbeitet. Ab 1935 regelmäßige Kuraufenthalte in Baden-Baden. Durch die fehlenden Ausstellungsmöglichkeiten in Deutschland – 1936 gibt es in der Hamburger Galerie Gurlitt die letzte kleinere Ausstellung Beckmanns – verschlechtert sich die Situation der Beckmanns zusehends, viele Sammler und Käufer haben das Land bereits verlassen. Zahlreiche Landschaftsbilder, u.a. das nach einer Reise nach Zandvoort entstandene „Meerestrand“ (1935), das nach einer Ansichtskarte gemalte „Blick von der Terasse in Monte Carlo“ (1935), „Landungskai im Sturm“ (1936) oder die „Tiergarten“-Bilder von 1937.  Weiterhin entstehen u.a. „Reise auf dem Fisch“ (1934), das „Selbstbildnis mit Glaskugel“ (1936) und das zweite Triptychon „Versuchung“ (1936/37).

»Berlin, 3. Februar 1934. In mir wütet noch immer der Teufel der Malerei, ja, er wird mit den Jahren vielleicht noch stärker – nun gerade und trotz alledem.«

1937 werden 28 Gemälde und 560 Aquarelle, Drucke und Zeichnungen Beckmanns aus deutschen Museen beschlagnahmt, Beckmann ist mit 12 Exponaten in der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ prominent vertreten. Kurz vor Ausstellungseröffnung im Juli verlassen Max und Quappi Beckmann Deutschland und gehen nach Amsterdam, in den folgenden Tagen gelingt es, auch den Hausstand nachzuholen und dem Zugriff der Gestapo zu entziehen. Als eines der ersten Bildern im Exil entsteht 1937 das Selbstbildnis „Der Befreite“.

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