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Max Beckmann - Departure // Max Beckmann - Leben und Werk I

Max Beckmann - Leben und Werk, I

»Wenn man alles als Szene im Theater der Ewigkeit begreift, ist alles leichter zu ertragen. To create is to be saved.«

1884 – 1898
Max Beckmann wird am 12. Februar 1884 in Leipzig als jüngstes von drei Kindern geboren. Der Vater Carl Christian Heinrich Beckmann ist Getreidehändler, die Mutter Antoinette Henriette Bertha stammt aus einer Bauernfamilie in Niedersachsen. Nach dem Tod des Vaters zieht die Familie 1895 nach Braunschweig.

1899 – 1905
Zunächst von der Dresdner Kunstakademie abgelehnt, wird der 16jährige Beckmann von der Großherzoglichen Kunstschule in Weimar als Student angenommen. Schon jetzt ist die eigene Wahrnehmung und Darstellung im Selbstbildnis ein zentrales Thema: das früheste erhaltene Gemälde Beckmanns ist das Selbstbildnis von 1899. 1902 lernt Beckmann seine spätere Frau, die Weimar Kommilitonin Minna Tube kennen. Im Herbst 1903 beendet er das Studium und verbringt sechs Monate in Paris, dem Zentrum der malerischen Avantgarde in Europa.

1904 Umzug nach Berlin, Einrichtung eines Ateliers in Schöneberg. Beeinflusst u.a. von Cezanne, van Gogh, Munch und Ferdinand Hodler, ist er von Anfang an bemüht und überzeugt davon, seinen eigenen Stil zu finden. Die meisten seiner Werke aus dieser Zeit zerstört Beckmann vermutlich im Frühjahr 1905 – im gleichen Jahr beginnt er mit seinem eigenen Werkverzeichnis, das als ersten Eintrag „Junge Männer am Meer“  verzeichnet.

1906 – 1914
„Junge Männer am Meer“ wird mit dem Ersten Preis der Ausstellung der Berliner Secession, einem Stipendium in der Villa Romana in Florenz, ausgezeichnet und vom Museum in Weimar angekauft. Im Sommer 1906 Tod der Mutter, eine Erfahrung, die sich im Gemälde „Große Sterbeszene“ aus dem gleichen Jahr niederschlägt.

»Es ist schon so, dass man dieses Empfinden haben muss, dass dieser junge Mensch da deutlich macht: „Ich bin wer, und ich will´s euch zeigen.“ Das, was er selbst in dieser Zeit auch einmal sagt: „Ich glaube, ich werde alles erreichen, was ich will“. Das heißt, alles erreichen, was man erreichen kann. Und eigentlich will dieses Bild das auch ankündigen.«
(Uwe M. Schneede)

Im September Heirat mit Minna Tube, die Beckmann zuliebe die Malerei aufgibt und eine Karriere als Opernsängerin beginnt. Im November tritt Max Beckmann das Stipendium in Florenz an. Nach seiner Rückkehr bezieht das junge Ehepaar das von Minna entworfene Haus und Atelier in Berlin Hermsdorf. 1908 Geburt des Sohnes Peter. Der Erfolg von Max Beckmann wächst. 1907 stellt er bei der Ausstellung der maßgeblich von Max Liebermann und Lovis Corinth geführten Berliner Secession – in die er 1908 aufgenommen wird – und erstmals bei Paul Cassirer aus, 1909 u.a. auch in Paris aus. 1910 wird Beckmann in den Vorstand der Berliner Secession gewählt, von der sich mit der Neuen Secession vor allem expressionistische Künstler abgespalten haben.

»Berlin, wo ich mich mit einigen Unterbrechungen bis 1914 aufhielt, war meine eigentliche Akademiezeit. Ich lernte, was zu lernen war, Kunst, Liebe und Politik beschäftigten mich ausreichend.«

Das Frühwerk von Max Beckmann ist geprägt vom Anspruch, Meisterschaft und eigenen Stil in den traditionellen Bildgattungen zu erlangen. Beckmann malt Landschaften, immer wieder Selbstbildnisse wie „Selbstbildnis in Florenz“ (1907) oder „Doppelbildnis von Max Beckmann und Minna Beckmann-Tube“ (1909), großformatige, an Delacroix und Géricault orientierte Gemälde mit historischen oder sakralen Sujets, u.a. „Die Schlacht“ (1907), „Szene aus dem Untergang von Messina“ (1909), „Kreuzigung Christi“ (1909) und „Auferstehung“ (1909). 1913 veranstaltet Cassirer die erste Beckmann-Retrospektive mit 47 Arbeiten.

»Es macht die Einzigartigkeit Beckmanns aus, dass er sofort eine internationale Perspektive einnimmt, die überhaupt nicht deutsch ist, die sich überhaupt nicht auf diese deutsche oder Berliner Kultur beschränkt. 1905 sagt er über seine Arbeit: „Meine Malerei ist eine Mischung zwischen Cézanne und Van Gogh“; also zwischen der neuesten Entwicklung in Paris und dem Kontext der französischen Malerei der Epoche.« (Didier Ottinger)

Mitunter polemisch wendet sich Beckmann gegen die Epigonen von Impressionismus und Expressionismus und die Idee von „L’art por l’art“, die für ihn notwendig im Dekorativen endet, ohne Verbindung zu den Grundkonflikten menschlicher Existenz. 1912 erscheint seine Streitschrift „Gedanken über zeitgemäße und unzeitgemäße Kunst“, die sich explizit gegen Franz Marc und die Künstlergruppe „Der blaue Reiter“ richtet. 1914 spaltet sich die „Freie Secession“ um Slevogt, Liebermann und Cassirer von der Berliner Secession ab. Max Beckmann ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied.

»Es gibt meiner Meinung nach zwei Richtungen in der Kunst. Eine, die ja augenblicklich wieder einmal im Vordergrund steht, ist die flache, stilisierend dekorative, die andere ist die raumtiefe Kunst. Ich folge in meiner ganzen Seele der raumtiefen Malerei und suche in ihr meinen Stil zu gewinnen.«

1914 – 1919
Der Erste Weltkrieg markiert einen tiefgreifenden Einschnitt in Leben und Werk Max Beckmanns. Im Gegensatz zu vielen seiner Künstlerkollegen stimmt er nicht ins nationale Kriegsgeschrei ein, sondern sieht den Krieg als Hereinbrechen einer Katastrophe, der er sich gleichwohl zu stellen hat. Zunächst als Freiwilliger im Sanitätsdienst in Ostpreußen, wird er 1915 nach kurzem Aufenthalt in Berlin als Sanitäter nach Flandern verlegt. Im Spätsommer 1915 erleidet er einen vollständigen physischen und psychischen Zusammenbruch, im Oktober begibt er sich in Frankfurt am Main in Behandlung – hier kann er bei seinem Freund aus Weimarer Tagen, Ugi Battenberg, unterkommen und arbeiten. 1917 wird Beckmann endgültig aus dem Militärdienst entlassen.

»Je stärker und intensiver mein Wille wird, die unsagbaren Dinge des Lebens festzuhalten, je schwerer und tiefer die Erschütterung über unser Dasein in mir brennt, umso verschlossener wird mein Mund, um so kälter mein Wille, dieses schaurig zuckende Monstrum von Vitalität zu packen und in glasklare Linien und Flächen einzusperren, niederzudrücken, zu erwürgen.«

Schon die während seiner Frontzeit entstandenen Zeichnungen, Skizzen und Radierungen wie „Die Granate“ (1914) kündigen die radikale Wandlung in Beckmanns Stil an, der kantiger, expressiver, radikaler wird. Beckmann ist auf der Suche, er sucht Formen, die den existentiellen Erfahrungen des Krieges standhalten. Nur wenige Gemälde – eine auffallende Ausnahme in Beckmanns sonst so ungemein produktivem Schaffen – entstehen in dieser Zeit, u.a. „Selbstbildnis als Krankenpfleger“ (1915), „Selbstbildnis mit rotem Schal“ (1917) sowie „Auferstehung“ (1916-18; unvollendet), „Christus und die Sünderin“ (1917) und „Kreuzabnahme“ (1917) – für lange Zeit seine letzten Gemälde mit christlicher Ikonographie.

»Das ist der Neubeginn. Das ist eine Tabula rasa. Das ist ein Nichts, von dem aus die Kunst noch einmal völlig neu aufgrund der Realitätserfahrung begonnen wird.« (Uwe M. Schneede)

Im künstlerischen Neuanfang nach dem Ersten Weltkrieg werden die Konturen des Weges sichtbar, den er bis in sein Spätwerk konsequent gehen wird: Beckmann stellt immer wieder zeitgenössische Themen in den großen Kontext der Menschheitsgeschichte und überführt – mitunter im expliziten Bezug  auf alte Meister von Matthias Grünewald über El Greco bis zu Francisco Goya – die alten Motive von Martyrium, Zerstörung und Erlösung in einen modernen Mythos vom Menschen. Wo die prägenden philosophischen, politischen und künstlerischen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts das Verschwinden des Einzelnen konstatieren, beharrt Beckmann auf der Einzigartigkeit der Persönlichkeit – und auf der figurativen, in ihrer zunehmenden Verschlüsselung allerdings ungemein vielschichtigen Malerei.

1919 kehrt Beckmann auf die große Bühne zurück. Das Frankfurter Städel-Museum und die Mannheimer Kunsthalle kaufen erstmals nach dem Krieg neue Werke von ihm. Es entstehen u.a. „Bildnis Frau Tube“,  das 1918 begonnene Gemälde „Die Nacht“, „Selbstbildnis mit Sektglas“ sowie die Mappen „Gesichter“ mit 19 Radierungen und „Die Hölle“ mit 11 Lithografien.

»Seine Absicht ist, Gott – oder den Göttern – direkt ins Gesicht zu sagen, was sie angerichtet haben. Dass sie schuld sind an dem  Bruch zwischen den Menschen und den höheren Mächten.« (Didier Ottinger)

1920 – 1924
Die Galeristen Israel Ber Neumann (Berlin, ab 1923 New York) und Peter Zingler (Frankfurt) übernehmen die Vertretung Beckmanns, 1923 kommt Günther Franke in München dazu. Beckmann findet zu gewohnter Produktivität zurück. Er schreibt zwei Theaterstücke, beschäftigt sich intensiv mit Grafik, Radierungen, Holzschnitten und Lithografien und erhält durch seinen Freund und Mentor Heinrich Simon, den Verleger der Frankfurter Zeitung, Zugang zu den höchsten Frankfurter Kreisen, von Heinrich George bis zum Chef der IG Farben-Chef Georg von Schnitzler. 1924 Einzelausstellungen in Frankfurt und Berlin, bei Piper erscheint eine Beckmann-Monografie. Im gleichen Jahr lernt Max Beckmann in Wien Mathilde „Quappi“ von Kaulbauch kennen, eine Tochter des Malers Friedrich von Kaulbach.

»Lieber Herr Piper, es ist ganz interessant für mich gerade jetzt hier zu sein, denn Frankfurt und die Frankfurter Zeitung sind eben eine Hochburg des Expressionismus. Trotzdem ist´s mir gelungen gerade hier bereits eine Anzahl von Menschen durch meine Bilder zu der Ansicht zu bringen, dass die expressionistische Angelegenheit doch nur eine dekorativ literarische  ist, die mit einem lebendigen Kunstgefühl nichts zu tun hat.«

Beckmanns malerische Arbeit entwickelt sich weiter, sie wird wieder farbiger, in seinen mehr und mehr konkreten Motiven – neben Porträts und Gesellschaftsszenen auch Landschaften und Stilleben – nähert er sich der Neuen Sachlichkeit an, ohne dieser Schule wirklich anzugehören. Der isolierte Mensch, Masken, Rollenspiele, Identität, Zirkus und Artisten, das „Theater der Unendlichkeit“: das sind immer wieder Themen und Motive von Beckmanns Arbeiten. Es entstehen u.a. „Das Nizza in Frankfurt am Main“ (1921), „Der eiserne Steg“ (1922), „Vor dem Maskenball“ (1922), „Tanz in Baden-Baden“ (1923), „Doppelbildnis Frau Swarzenski und Carola Netter“ (1923), „Stilleben mit Grammophon und Schwertlilien“ (1924), „Lido“ (1924), „Bildnis Minna Beckmann-Tube“, „Selbstbildnis als Clown“ (1921) und „Selbstbildnis vor rotem Vorhang“ (1923).

»Beckmann hat diese Vorstellung eines großen Theaters, auf dessen Bühne sich das Leben abspielt, als Komödie oder Tragödie; dass der Mensch also nur eine Art Marionette ist, die von Gottheiten gelenkt wird, die jedes Maß verloren haben. (...) Die entscheidende Frage ist, ob der Mensch sich seinem Schicksal entziehen kann. Und die Figur des Clowns und des Gauklers wird für Beckmann zur Allegorie dieser Situation einer Menschheit, die glaubt, sich zu emanzipieren, in Wahrheit aber in einer von den Göttern verfassten Tragikomödie gefangen ist, die ihr kaum Raum zum Handeln lässt.« (Didier Ottinger)

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